ANDERS VERTEILEN
Immer größer wird der Reichtum der Welt: allein von 1975 bis in die 90er Jahre hat er sich verdreifacht: von 1.500 Dollar (ca 50.000 LUF) pro Kopf auf 4.500 Dollar (rund 150.000 LUF). Gleichzeitig verbreitet sich die Armut. Laut UNO-Bericht lebt ein Viertel der Weltbevölkerung in extremer Arnut. Ein Drittel der Weltbevölkerung hat kein Trinkwasser.
Denn immer ungleicher wird der produlzierte Reichtum verteilt. lm Jahr 1969 verfügte das unterste Fünftel der Weltbevölkerung über 2,3% der Ressourcen, 1994 nur noch über 1,1%. Das oberste Fünftel dagegen akkumulierte schon 69% der Ressourcen Ende.der sechziger Jahre und 86% Mitte der 90er !1
Nicht nur im planetarischen Maßstab, auch innerhalb der reichsten Lânder der Welt wird die Kluft zwischen Armut und Reichtum immer größer, die Verteilung der geschaffenen Werte immer ungerechter. Die Tendenz zu einem relativen Abbau sozialer Ungleichheiten in den ersten Jahrzehnten nach dem Krieg wurde in den siebziger Jahren in allen westlichen Industrieländern gestoppt. Seitdem geht es wieder in die umgekehrte Richtung. Der Anteil der Löhne am Gesamteinkommen sinkt, der der Gewinne steigt.
"Une société de plus en plus riche, des pauvres de plus en plus nombreux: cette contradiction apparente s'explique aisément par une répartition de plus en plus inégale de la richesse nationale."2. Die massive und seit 20 Jahren mehr oder weniger ununterbrochen wachsende Arbeitslosigkeit ist nicht nur ein Aspekt der Armut, sondern trägt selbst zu ihrer weiteren Verbreitung bei: das soziale Kräfteverhältnis, das sehr ungünstig ist für die Lohnabhängigen und ihre Gewerkschaften, fördert weiterhin die ungleiche Verteilung. Was wiederum zur Stagnation der Nachfrage (selbst nach lebensnotwendigen Gütern und Dienstleistungen) führt und also zum Abbau von Arbeitsplätzen.
Auf den oberen Sprossen der sozialen Leiter aber wird der angehäufte Reichtum nicht in produktive Investitionen umgesetzt sondern in spekulative Geschäfte.
Die neoliberalen Dogmen, die auch die politische Praxis der letzten zwei Jahrzehnte bestimmt haben, lehnen jeden regulierenden Eingriff in den "freien" Markt ab, die berühmte "unsichtbare Hand" soll für soziale Harmonie und optimale Allokation der Ressourcen sorgen. - Die Wirklichkeit sieht anders aus.
Also muß dem Neo-Liberalismus ("un programme de destruction des structures capables de faire obstacle à la logique du marché pur")3, ein anderer Entwurf gesellschaftlicher Entwicklung entgegengesetzt werden, der die Rehabilitierung und Aufwertung kollektiver Strukturen und.sozialer Regulation betont - auf allen Ebenen: kommunal, national, europäisch, weltweit...
Statt sich auf den Standortkrieg mit den Schlagwörtern von "Innovation"' und "Kompetitivität" einzulassen, ist es dringend geboten, die Verteilungsfrage wieder in den Mittelpunkt der politischen Auseinandersetzung zu rücken.
Selbstverständlich geht es dabei zunächst um materielle Güter, denn die materielle Absicherung ist die unabdingbare Voraussetzung für jede "höhere" Art von Bedürfnisbefriedigung. Diese materielle Grundlage ist eine relative Größe, sie hängt ab von der gesellschaftlichen Entwicklung.
Bei der Verteilungsfrage geht es aber um wesentlich mehr als um monetäre Distribution. Es geht um alle Aspekte der persölichen Entfaltung: Zugang zur Bildung und Weiterbildung und zur gesellschaftlichen Produktion, soziale Anerkennung, Beteiligung an öffentlichen Entscheidungsprozessen (auch die Demokratie ist eine Verteilungsfrage)… .
Es geht um eine möglichst egalitäre Verteilung von Lebenschancen, von Möglichkeiten individueller Entfaltung. Auch zwischen den Geschlechtern.
Es geht letzten Endes also., wie es in dem 150 Jahre alten Manifest heißt, um die Verwirklichung einer Gesellschaft, in der "die freie Entwicklung eines jeden [und: einer jeden] die Bedingung für die freie Entfaltung aller ist".
Der Gegensatz zwischen (neo-) liberalen und sozialistischen Gedanken (bzw. zwischen rechts und links) liegt nicht im Gegensatz zwischen Freiheit und Gleichheit - sondern vielmehr in der Frage der Verteilung der Freiheit ! Das heißt in der Frage, in welchem Ausmag die konkreten Voraussetzungen für jede/n verwirklicht sind, die "Freiheit" zu nutzen.
André Hoffmann
(1)Alternatives économiques, Hors série No 35, 1998; PNUD, Rapport sur le développement humain, 1996, 1997
(2)Alain Bihr, Roland Pfefferkorn, Déchiffrer les inégalités, Paris 1995
(3)Pierre Bourdieu, L'essence du néolibéralisme, Le Monde diplomatique, mars 1998
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